
03. April 2025, Meine Anlagewelt | Tägliche Marktsicht
Zollwahn mit Folgen – Trumps gefährliche Rückkehr zum Protektionismus
US-Präsident Donald Trump kündigte gestern Abend die Einführung hoher Zölle an. Diese dürften die amerikanischen Konsumenten stark belasten und die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen.
Im Fokus
Donald Trump meint es ernst mit seiner radikalen Zollpolitik – mit schmerzlichen Konsequenzen für amerikanische Konsumenten wie auch für Exporteure aus der Schweiz und Europa. Ziel ist die Reindustrialisierung und wirtschaftliche Autarkie der USA. Dabei ignoriert Trump grundlegende ökonomische Prinzipien und verfällt einem überkommen geglaubten Merkantilismus. Seine Überzeugung, Handelsdefizite seien Ausdruck ausländischer Ausbeutung, entbehrt jeder wirtschaftlichen Logik – bildet aber den Kern seiner Politik.
Ab dem 5. April erhebt Washington einen pauschalen Einfuhrzoll von 10 Prozent auf sämtliche Importe. Ab dem 9. April folgen länderspezifische Zuschläge, die in Einzelfällen über 30 Prozent betragen. Die Schweiz trifft es mit einem Satz von 31 Prozent besonders hart – auf Augenhöhe mit China oder Taiwan. Die sogenannten „reziproken“ Zölle orientieren sich jedoch nicht an realen Handelshemmnissen, sondern beruhen auf einer simplen Rechnung: Trumps Team hat das Handelsbilanzdefizit eines Landes durch das bilaterale Handelsvolumen geteilt, diesen Wert als impliziten Gegenzoll bezeichnet und halbiert – das Resultat ist der neue Zollsatz.
Ein offizielles Faktenblatt des Weissen Hauses deutet darauf hin, dass zahlreiche Güter – darunter Holz, Autos, Halbleiter, Stahl, Aluminium, Gold, Energieprodukte, Kupfer und pharmazeutische Erzeugnisse – zunächst von den reziproken Zöllen ausgenommen werden. Für die Schweiz ist die vorläufige Ausnahme der Pharma- und Chemieprodukte besonders relevant: Diese Branchen stellen über die Hälfte der gesamten Exporte in die USA. Unklar bleibt jedoch, ob auch auf diese Güter der pauschale Universalzoll von 10 Prozent Anwendung findet. Zudem hat Trump in der Vergangenheit bereits separate Zölle von bis zu 25 Prozent auf viele dieser nun ausgenommenen Produkte angekündigt oder – etwa bei Autos, Stahl und Aluminium – bereits umgesetzt. Die vermeintliche Ausnahme ist somit kein Verzicht, sondern nur ein Aufschub. Schweizer Medikamentenhersteller bleiben exponiert – auch wenn die USA versichern, die Schweiz bei der Zollbelastung gleich zu behandeln wie andere grosse Produzenten, etwa Irland oder Singapur.
Andere wichtige Exportgüter wie Uhren, Maschinen oder auch die beliebten Kaffeekapseln von Nestlé – die allein knapp 2 Prozent der Schweizer US-Exporte ausmachen – dürften hingegen ab dem 9. April mit Einfuhrabgaben von 31 Prozent belegt werden. Die wirtschaftlichen Folgen sind spürbar: So könnte das Schweizer BIP im kommenden Jahr infolge der US-Zollpolitik um mehrere Zehntelprozentpunkte schwächer wachsen. Das ist erheblich, aber kein ökonomischer Schock.
Für die USA selbst sind die Risiken gross: Die Zölle verteuern Konsumgüter, treiben die Inflation und bremsen das Wachstum. Gleichzeitig ist offen, woher die nötigen Arbeitskräfte für eine Reindustrialisierung kommen sollen. Fraglich bleibt auch, ob eine unter Zollschutz aufgebaute Industrie je global wettbewerbsfähig sein kann. Trumps Glaube, mit Zolleinnahmen gleichzeitig das Haushaltsdefizit zu senken und Steuern zu senken, ist wirtschaftspolitische Illusion.
International droht eine Eskalation: Vergeltungszölle könnten eine protektionistische Spirale in Gang setzen – ähnlich wie unter dem Smoot-Hawley-Tarifgesetz der 1930er-Jahre, welches damals zur weltweiten Depression beitrug. Heute sind die globalen Lieferketten jedoch noch enger verflochten – die Folgen wären entsprechend gravierender.
Die Schweiz und Europa sollten der Versuchung widerstehen, mit eigenen Strafzöllen zu reagieren. Stattdessen gilt es, das multilaterale Handelssystem zu stärken, den Freihandel mit gleichgesinnten Staaten zu vertiefen und strategische Allianzen mit Partnern in Asien, Lateinamerika oder Kanada zu schmieden. Ein Rückfall in das Prinzip „Zahn um Zahn“ wäre wirtschaftlich wie politisch fatal. Trump hingegen gefällt sich in seiner Rolle. Wer glaubt, seine Zölle seien bloss ein taktisches Manöver zur Verhandlungsverbesserung, irrt. Trump hat mehrfach betont, dass „Zoll“ für ihn das schönste Wort im Lexikon sei – und er handelt entsprechend.
Die globalen Finanzmärkte stehen vor einem düsteren Handelstag – auch die Schweizer Börse dürfte unter Druck geraten. Der US-Dollar ist deutlich unter Druck geraten. Der Ölpreis ist gefallen, während der Goldpreis weiter zugelegt hat. Der Schweizer Aktienmarkt SMI liegt vorbörslich rund 1.8% im Minus.
Aktienmarkt Schweiz
SMI: -0.77%, SPI: -0.73%, SMIM: -0.87%
Der Schweizer Aktienmarkt kam vor den mit Spannung und Nervosität erwarteten Zoll-Plänen von US-Präsident Trump nicht auf Touren und verzeichnete deutliche Verluste. Vor allem Aktien aus dem Gesundheitsbereich litten unter den Befürchtungen, dass auch Arzneimittel und Medizintechnikprodukte mit Strafzöllen belegt werden könnten. Der SMI schloss etwas über dem Tagestiefstand von Mitte Nachmittag mit einem Kursminus von 0.8%. Die meisten grosskapitalisierten Werte gingen mit Kursverlusten aus dem Handel. Unter den schwächsten Aktien befanden sich mit Alcon (-0.7%), Novartis (-1.6%), Lonza (-1.8%), Sonova (-1.7%) und Roche (-1.9%) vor allem Gesundheitswerte, die am stärksten unter den Zollängsten litten. Die USA sind für viele Gesundheitswerte der wichtigste Absatzmarkt. Ebenfalls schwach entwickelten sich die Aktien von Partners Group (-1.4%), die ohne ersichtlichen Grund zurückfielen. Vergleichsweise stabil hielten sich defensive Aktien wie Givaudan (-0.1%) und Swisscom (-0.2%). Auch Geberit (+0.4%) konnte sich dank seines mehrheitlich auf Europa ausgerichteten Geschäfts behaupten. Ebenfalls solide hielten die Versicherungswerte rund um Swiss Life (+0.5%) und Swiss Re (-0.1%), die bisher wenig von den Zolldiskussionen beeinflusst wurden. Im breiten Markt sackten die Aktien von Orior um 4.3% ab, nachdem das Lebensmittelunternehmen im Rahmen des Jahresergebnisses einen grossen Verlust vermeldete. Zudem kündigte das Unternehmen eine neue Konzernstruktur und diverse Wechsel in der Leitung an. Entgegen dem Trend gewannen die Aktien von Daetwyler 5.0% dazu. Das Industrieunternehmen vermeldete den Start der Produktion von Komponenten für Spritzen, die für GLP-1 Abnehmpräparate verwendet werden. Die Aktien von Galenica profitierten von ihrem Status als sicherer Schweizer Hafen und schlossen 0.7% höher.
Aktienmärkte Europa
EuroStoxx50: -0.31%, DAX: -0.66%
An den europäischen Aktienmärkten blieben die Marktteilnehmer gestern vor den US-Zollankündigungen ebenfalls vorsichtig gestimmt. An den meisten Handelsplätzen resultierten zum Handelsschluss leichte bis moderate Verluste. Der EuroStoxx50 schloss 0.3% tiefer, während der zyklischer ausgerichtete DAX um 0.7% zurückfiel. Aus Branchensicht gehörte Aktien aus den defensiven Bereichen Gesundheit, Immobilien und Kommunikationsdienste zu den Tagesverlierern. Besser hielten sich hingegen Aktien aus den Sektoren Basiskonsum, zyklischer Konsum und Versorger.
Aktienmärkte USA
Dow Jones: +0.56%, S&P 500: +0.67%, Nasdaq: +0.87%
Die amerikanischen Aktienmärkte schlossen vor Ankündigung des Zolldiktats von US-Präsident Trump freundlich. Der DowJones kletterte um 0.6% nach oben, während der S&P500 um 0.7% anzog. Der technologielastige Nasdaq beendete den Handelstag 0.9% höher. Im Fokus standen unter anderem die Aktien von Tesla, die zunächst weiter absackten. Im Handelsverlauf drehten sie dann nach oben und schlossen 5.3% höher. Grund dafür waren Medienberichte über einen möglichen Rückzug von Tesla-Chef Elon Musk als Berater der US-Regierung. Die Aktien von Amazon schlossen 2.0% höher, nachdem der Online-Händler Interesse an einer Übernahme des US-Teils von Tiktok anmeldete.
Kapitalmärkte
Rendite 10 Jahre
USA: 4.04%; DE: 2.72%; CH: 0.48%
Die Rendite der 10-jährigen US-Treasury-Anleihe verzeichnete gestern eine Achterbahnfahrt. Im Vorfeld der mit Spannung erwarteten Zollentscheidung bewegte sie sich zunächst südwärts und verlor zwischenzeitlich knapp 10 Basispunkte. Anschliessend setzte eine Gegenbewegung ein und die Rendite legte deutlich zu. Nach der Verkündigung der Zollmassnahmen und der Flucht in Sicherheit sank die Rendite wieder stark ab und notiert aktuell bei 4.04%. Die Renditen der 10-jährigen deutschen Bundesanleihe und der Schweizer Eidgenossenanleihe mit gleicher Laufzeit legten im Vorfeld der Zollankündigungen mit einem Plus von vier bzw. drei Basispunkten leicht zu.
Währungen
Euro in Franken: 0.9539
US-Dollar in Franken: 0.8715
Euro in US-Dollar: 1.0947
Der US-Dollar verliert im Anschluss an die gestern Abend von US-Präsident Donald Trump angekündigten Zollmassnahmen deutlich an Terrain. Gesucht wurden hingegen die sogenannt «sicheren Häfen» Schweizer Franken und Japanischer Yen.
Rohwarenmärkte
Ölpreis WTI: USD 69.85 pro Fass
Goldpreis: USD 3'131.83 pro Unze
Nachdem am Dienstag im Tagesverlauf ein neues Allzeithoch erreicht worden ist, schwankte der Goldpreis gestern im Vorfeld der Zollentscheidung um die Marke von 3'125 US-Dollar pro Unze. Die Aussagen von Donald Trump vermochten den Goldpreis zwar kurzzeitig auf ein neues Allzeithoch von 3'167 US-Dollar pro Unze zu hieven, allerdings bröckelten diese Gewinne heute Morgen bereits wieder ab.
Der Erdölpreis der amerikanischen Sorte WTI ist gestern im Tagesverlauf leicht angestiegen und konnte rund 0.7% zulegen. Die US-Rohölvorräte stiegen in der vergangenen Woche um 6.2 Mio. Barrel auf den höchsten Stand seit Juli, wie die U.S. Energy Information Administration mitteilte. Heute Morgen eröffnete der Ölpreis jedoch deutlich tiefer, da die von den USA erhobenen Zölle die Sorge vor einer globalen Wirtschaftsabschwächung befeuern.
Wirtschaft und Konjunktur
Gestern wurden keine relevanten Konjunkturdaten aus der ersten Reihe veröffentlicht.
Dominik Schmidlin

8021 Zürich

Matthias Müller

8021 Zürich
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